Mein Migrationshintergrund als Irritationsgrund: Die Schwarzkopf-Quote

>> Ey „Kosovo“, hol mal noch drei Kartons von den Unternehmensbroschüren aus dem Lager. Die Prospektständer sind alle leer. <<

Ich komme zwar nicht aus dem Kosovo, aber mein damaliger Arbeitskollege auf einer Messe wusste von meiner albanischen Abstammung und nannte mich ganz liebevoll „Kosovo“. Ich will jetzt kein Mitleid erhaschen, denn es war voll OK für mich, weil ich wusste, wie er es gemeint hat. Dennoch steht es als Sinnbild für meine Erfahrungen im Umgang mit meiner Herkunft und den damit verbundenen Komplexitäten. 

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Ich bin es leid, diese hasserfüllten Kommentare in den sozialen Netzwerken zu lesen und mein folgender Beitrag ist auch nicht an meinen vorherigen Beiträgen  angelehnt, aber anstatt mich mit irgendwelchen hirnverbrannten „Internet-Rambos“ auf Facebook zu messen, nutze ich diese Plattform hier, um meine Gedanken mit euch zu teilen.

Ich kann den Hass zwar nicht verstehen, aber dennoch wirklich nachvollziehen. Wenn gerade ein ideologisch bewegter Terroranschlag, eine Vergewaltigung, ein Raub, ein U-Bahn-Schubser oder ein Grabscher am Werk war, wird  kein Unterschied gemacht, ob es um einen Roma aus Bulgarien geht, der eine Frau die Treppe heruntertritt oder einen „Muslim“, der unschuldige Menschen in den Tod reißt. Die mediale Präsenz dieser beispielhaften Ereignisse erschlägt einen förmlich und außerdem löst es bei Menschen mit ohnehin angestautem Hass weitere Wut auf diese obigen Gruppen aus – egal welcher Herkunft, Nationalität, politischer- oder religiöser Gesinnung. Ganz getreu dem Motto „Pack ist Pack“…

Was ich aber absolut weder verstehen noch nachvollziehen kann, sind diese hasserfüllten Kommentare unter trivialen Statusmeldungen, wie zum Beispiel als die DFB-Mannschaft im November 2017 gegen England spielte. Dabei war ein Mädchen mit Kopftuch als Einlaufkind zu sehen. All diese Kommentare darüber, dass man sich die DFB-Mannschaft nicht mehr anschauen möchte, weil die kein Schwarz-Rot-Gold mehr auf den Trikots tragen, nur noch „Die Mannschaft“ heißen und achja, weil diese ganzen Boatengs, Gündoğans, Özils, Sanés und Mustafis mitspielen. Sie sind ja keine richtigen Deutschen. Natürlich sind sie das, und wir können verdammt stolz auf unsere Jungs sein –  wir sind eine führende Fußball-Nation. Denkt ihr wirklich, dass aus einem Shkodran Mustafi ohne die deutsche- bzw. westliche Fußballschule solch ein Profi geworden wäre? Wäre seine Familie nicht aus der Ehemaligen Jugoslawischen Republik Mazedonien (E.J.R.M.) nach Deutschland gekommen, wäre er heute dort ein in Jura oder BWL diplomierter Kellner in einer Kleinstadt – so wie circa mehr als 60% der jungen Leute in Südosteuropa.

„Wäre eine deutsche Familie in den Siebzigern nach Jugoslawien ausgewandert, wären sie nach spätestens 24 Stunden zurück nach Deutschland gekommen“

Meine Eltern sind Anfang der siebziger Jahre aus dem damaligen Jugoslawien (heute in Tetovo, E.J.R.M.) in die BRD gekommen, bzw. zunächst nur mein Vater als „Gastarbeiter“ . Er hat mit zwölf – meist türkischstämmigen – Männern in einem Zimmer auf knapp 10 m² gelebt. Er schwärmt heute noch von den glorreichen Zeiten der Tito-Regierung, denn es gab kaum Kriminalität, jeder der arbeiten wollte, fand auch Arbeit und man war – vermeintlich – frei. Wenn man ihn dann heute fragt, warum er nach Deutschland gekommen ist, ist die Antwort sehr kurz und knapp: >> Geld. Du konntest auch in Jugoslawien gut leben, aber dafür musstest du im Staatsapparat beschäftigt sein. Kein Parteimitglied, bedeutete kein Geld. Wir sind Albaner; da hattest du keine Chance, den Fuß irgendwo aufkommen zu lassen. Wir haben ihre Sprache gesprochen, ihre Bräuche mitgefeiert, haben Militärdienst abgeleistet und sogar die Schreibweise unserer Namen slawisiert. Aus „Shaini“ wurde seinerzeit „Šaini“, aber Albaner bleibt Albaner und somit arm! << Er kam mit der Intention hierher, mithilfe ehrlicher und harter Arbeit, ein paar D-Mark zu verdienen, um sich dann in der Heimat ein neues Haus zu bauen, ein zuverlässiges Auto zu kaufen und sich schlussendlich selbstständig zu machen mit einer kleinen Bastler-Werkstatt. Was ist daraus geworden? Wir haben nun 2018 und meine Eltern haben nach mehr als 40 Jahren Deutschland, zwei Kinder im bescheidenen Bochum großgezogen und pendeln alle sechs Monate zwischen Balkan und Deutschland. Viele Migrantenkinder werden dies kennen und sich in der Geschichte meines Vaters widerspiegeln – zumindest die zweite Generation, die noch eine gewisse engere Bindung zur alten Heimat hat. Bei den Albanern reden wir nochmal von einem besonderen Phänomen, denn sie sind überall auf der Welt verstreut und geben ihre Wurzeln hinsichtlich Sprache, Riten usw. selten auf. Es gab schon über Jahrzehnte hinweg sehr viele Immigrationswellen; Nordamerika, Europa, Türkei und auch nach Australien hin. In der Regel treffen sich alle gemeinschaftlich im Sommerurlaub, außer diejenigen, die an der Adria oder auch albanischen Rivera ihre gastronomischen Betriebe haben. Selbst die Jahrhunderte andauernde Okkupation durch die osmanische Vorherrschaft auf der Balkanhalbinsel konnte die albanischen Sitten nicht verschwinden lassen. Heute bin ich deutscher Staatsbürger, aber nun mal auch mit diesen albanischen Wurzeln verbandelt. Wie so häufig einige sagen, bin ich hier noch ein Ausländer, denn „die Deutschen“ werden mich niemals gänzlich akzeptieren. Das Absurde daran ist aber auch, dass ich in meinem Herkunftsland auch als Ausländer abgestempelt werde und zwar nicht, weil ich nur als der „reiche deutsche Urlauber“ angesehen werde, sondern auch seitens der mazedonisch-stämmigen Bevölkerung auch als Fremder. Wir sind überwiegend Sunnitisch-Muslimisch und sprechen eine indogermanische Sprache, basierend auf dem lateinischen Alphabet und sie wiederum folgen dem Christlich-Orthodoxen Glauben mit einer slawischen Sprache im kyrillischen Alphabet. Wenn ich nach Mazedonien reise und diverse touristische Attraktionen besichtige, spreche ich in der Regel Englisch, da man mit albanisch nicht allzu weit kommt – trotz des Abkommens von Ohrid. Ich fühle mich manchmal wie ein einsames Einhorn, denn hier akzeptiert mich der gutbürgerliche Herr Willy Müller nur auf dem Papier als Deutscher, im albanischen Teil Mazedoniens bin ich der Deutsche und im mazedonisch-sprachigen Teil bin ich einfach nur „Шиптарски ѓубре“/ „Šiptarski gubre“ (zu Deutsch: Albanischer Abfall).

„Sie sprechen aber gut Deutsch. Sie fliegen ja auch bald für Ihr Unternehmen in die USA, um dort ein Projekt selbstständig durchzuführen – das ist ja toll.“

Ja, klar! Ich bin hier zur Schule gegangen, habe mein Abitur, meine Ausbildung und mein Studium hier gemacht. Ich zahle hier meine Steuern und Sozialversicherungsabgaben und könnte es mir niemals vorstellen, woanders zu leben. Ich bin schon so oft auf diesen Kommentar „Sie sprechen aber gut Deutsch“ gestoßen und bin mittlerweile müde, meine Lebensgeschichte und die damit verbundene Weltanschauung immer wieder zu erzählen.

Während meiner Ausbildung zum Industriekaufmann wurde ich von einem örtlichen Verband zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Die damalige Oberbürgermeisterin der Stadt Bochum, der Verbandspräsident, ein durchaus bekannter Moderator und unzählige Pressemenschen waren anwesend. Ich war sehr naiv und habe mich nicht allzu sehr auf diese Diskussion im Vorfeld vorbereitet, sondern bin sehr entspannt ins Gespräch eingestiegen. Es ging um die Kooperation zwischen der Industrie und den schulischen Institutionen aus der Region. Nach einleitenden Worten durch den Moderator und einem Rückblick auf die Kooperationsaktivitäten seitens Wirtschaftsverband und der Kommune, kam ich schließlich ins Spiel. Der Moderator stellte mich mit folgendem Wortlaut vor: >> Wir haben heute einen sehr jungen Unternehmensvertreter anwesend. Der angehende Industriekaufmann mazedonischer Abstammung hat sein Abitur an einem Bochumer Gymnasium gemacht und ist durch diese Kooperation auch an seinen Ausbildungsplatz gekommen. << Jau, alles richtig! Bis auf das mit der mazedonischen Abstammung. Ich werfe ihm nicht vor, dass er die prekäre Lage des Balkan-Pulverfasses nicht versteht und somit den Unterschied zwischen Serben, Kroaten, Bosniern und Albanern kennt, aber warum in Gottes Namen erwähnt er das? Welche Absicht hat er damit? Wir reden hier vom Jahr 2011, wo es noch gar keine Flüchtlingskrise gab und man nicht allzu viele integrierte und erfolgreiche „Schwarzköpfe“ als Best-Practice Beispiel bringen musste, um irgendwelche Migrationswellen zu rechtfertigen. Warum kann ich nicht einfach gleichgestellt mit einer anwesenden Frau Scholz vorgestellt werden? Aber es scheint, damals wie auch heute noch, besonders zu sein, einen nicht-kriminellen, auf Muttersprachennvieau deutsch-sprechenden Ausländer vor sich zu haben, der auch noch Karriere macht.

Ich bin in die Diskussion eingestiegen und habe meine Meinung dahingehend geäußert, dass ich die von der Industrie suchende „Eierlegende Wollmilchsau“ für durchaus problematisch erachte. Die Industrie sucht seit geraumer Zeit nach Kandidaten mit folgendenem Anforderungsprofil:

  • Abgeschlossenes Hochschulstudium
  • Mindestens 5 Jahre einschlägige Berufserfahrung
  • Mehrjährige Auslandserfahrung
  • Fließende Fremdsprachenkenntnisse in mindestens zwei Sprachen
  • Nicht älter als 28 Jahre, aber auch mindestens 25
  • Gute Allgemeinbildung, Hoher Grad an Selbstständigkeit usw.

Wie soll das bitte funktionieren? Das Bildungssystem reagierte darauf und hat die alte Diplom-Struktur im Zuge der Globalisierung abgeschafft und stattdessen die Bachelor- und Masterabschlüsse eingeführt. Wer – außer ein paar Ausnahmeberufe wie Lehrer, Ärzte usw.– tut sich dann noch den Master-Abschluss an? Drei Jahre Bachelor-Studium in BWL, diverse mehrwöchige Praktika und ggf. ein Auslandssemester sollten doch die Eierlegende Wollmilchsau der Industrie darstellen, oder? Bullshit! Nur mal zum Vergleich: In 2016 haben fast 250.000 Studierende einen Bachelor-Abschluss erhalten und lediglich circa 124.000 ein Masters-Degree. Dann auch noch das sogenannte Turboabitur, welches zu der Zeit in NRW schon heiß diskutiert worden ist und anschließend auch eingeführt wurde, um es heute nach dem Wechsel in der Landesregierung wieder abzuschaffen – 😉 . Es kommen teilweise Minderjährige an die Hochschule, die per Gesetz nicht selbstbestimmend für sich entscheiden können, sodass Mami oder Papi noch Unterschriften leisten müssen. Natürlich kann das nicht hinhauen, denn diese Absolventen kommen dann mit Mitte 20 in die Industriebetriebe und versuchen die schwerpunktmäßigen theoretischen Grundlagen anzuwenden – was passiert? In der Regel scheitern sie, denn die Praxis sieht nun mal anders aus. Die einstellenden Betriebe auf der anderen Seite hingegen sind unzufrieden, da ihre Erwartungen nicht erfüllt werden.

Was der Moderator im Rahmen der Podiumsdiskussion daraufhin sagt, ist milde ausgedrückt, sehr bescheiden und total zusammenhangslos: >> Sie sprechen aber gut Deutsch. Sie fliegen ja auch bald für Ihr Unternehmen in die USA, um dort ein Projekt selbstständig durchzuführen – das ist ja toll. Sind Sie schon aufgeregt? <<

Was sollte ich sagen? Sollte ich mich rechtfertigen für meine Sprachkenntnisse? Nein, ich bin es satt. Es gibt empirische Studien darüber, dass der Abstand hinsichtlich der Bildungsabschlüsse von Migranten und Nichtmigranten noch recht weit voneinander entfernt ist, jedoch ist dieser auch um ein Vielfaches kleiner geworden als noch vor fast 17 Jahren (Pisa-Studien-Vergleich). Aber ein Einhorn zu bewundern, verkauft sich nun mal besser vor der Presse als irgendwelche Fakten. Meiner Ansicht nach werden diese Einhörner jedoch mit der Zeit immer mehr, sodass ihr Alleinstellungsmerkmal des Exotendaseins nur noch bedingt interessant wirkt. In 2010 war es eventuell noch der eine „Kosovo“ inmitten der vielen Pascals, Michaels und Svens, der herausgestochen ist, doch es werden mehr. Und das ist auch gut so, denn wir werden sie brauchen; auch ganz ohne Schwarzkopf-Quote.

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